Fragen zur Visualisierung

Visualisierung
Wahrnehmung
Visualisierungsethik
Übergreifende Fragen zu Wahrnehmung, Diagrammwahl und Darstellungsethik.

Diese Fragen prüfen nicht einzelne Seiten, sondern was zwischen ihnen liegt: ob die Wahl des Diagramms zur Aufgabe passt, ob die Gestaltung die Aussage trägt und wo eine korrekte Grafik trotzdem falsch verstanden wird.

Wahl und Wahrnehmung

Fünf Produktgruppen sollen nach Umsatz verglichen werden, die Werte liegen nahe beieinander. Welche Darstellung?

Tortendiagramm, es geht um Anteile am Gesamtumsatz
Winkel lassen sich schlecht vergleichen, und bei nahe beieinanderliegenden Werten ist die Reihenfolge nicht ablesbar.
Sortierte Balken, weil Länge auf gemeinsamer Skala am genauesten gelesen wird
Richtig. Die Sortierung erledigt zusätzlich die Frage nach der Rangfolge, ohne dass jemand vergleichen muss.
Liniendiagramm
Eine Linie behauptet Zwischenwerte, die es zwischen Produktgruppen nicht gibt.

Eine Grafik soll drei Variablen zeigen: Fläche und Miete als Hauptaussage, dazu die Lage. Wie werden die Kanäle vergeben?

Fläche und Miete auf die Positionen, Lage auf den Farbton
Richtig. Die beiden Grössen, auf die es ankommt, bekommen den genauesten Kanal; die kategoriale dritte Variable bekommt Farbton, der zum Unterscheiden taugt.
Miete auf den Farbton, damit sie auffällt
Farbton kodiert keine Mengen; abgelesen werden könnte die Miete dann nicht mehr.
Lage auf die Punktgrösse
Grösse suggeriert bei Kategorien eine Rangfolge, die es nicht gibt.

Ein Kollege hebt in einer Grafik mit 20 Balken sieben farbig hervor. Was rätst du?

Eine kräftigere Farbe wählen
Das verschärft das Problem eher.
Sortieren und die Gruppen räumlich trennen
Richtig. Kontrast wirkt nur, wenn er selten ist. Wer mehrere Elemente zeigen muss, trennt sie über Position statt über Farbe.
Alle 20 einfärben, dann ist es einheitlich
Dann trägt die Farbe gar keine Information mehr.

Ethik der Darstellung

Wann darf eine Achse nicht bei null beginnen, und wann muss sie es?

Balken müssen bei null beginnen, bei Linien ist ein Ausschnitt zulässig
Richtig. Bei Balken kodiert die Länge die Menge, bei Linien die Steigung die Veränderung. Der Ausschnitt gehört jeweils beschriftet.
Immer bei null, ohne Ausnahme
Damit würde man Verläufe mit kleinen Schwankungen unlesbar machen.
Das ist Geschmackssache
Es ist der Unterschied zwischen korrekt und irreführend.

Eine Infografik verdoppelt den Durchmesser eines Symbols, um den doppelten Wert zu zeigen. Wie stark wirkt der Unterschied?

Doppelt, das ist der Sinn der Darstellung
Gelesen wird die Fläche, nicht der Durchmesser.
Vierfach, weil die Fläche quadratisch wächst
Richtig. Für den doppelten Wert wird der Radius mit der Wurzel aus zwei multipliziert.
Das hängt von der Form des Symbols ab
Der quadratische Zusammenhang gilt für jede skalierte Fläche.

Zwei Zeitreihen mit verschiedenen Einheiten sollen verglichen werden. Warum ist die zweite y-Achse problematisch?

Weil die Skalierung frei wählbar ist und damit auch der suggerierte Gleichlauf
Richtig. Dieselben Daten lassen sich mit anderer Skalierung als Gleichlauf oder als Gegenlauf darstellen. Zwei Teilgrafiken übereinander vermeiden das.
Weil zwei Achsen technisch schwer umzusetzen sind
Umzusetzen ist es einfach, genau das ist das Problem.
Weil das Publikum Achsen nicht liest
Auch wer sie liest, wird durch den optischen Gleichlauf beeinflusst.

Wirkung

Im Fünf-Sekunden-Test nennen drei Personen drei verschiedene Aussagen. Was ist der Befund?

Die Grafik führt den Blick nicht, es fehlt die Betonung
Richtig. Wenn niemand dasselbe mitnimmt, gibt es keinen Akzent, der die Aussage trägt. Ein Aussagetitel und eine einzige hervorgehobene Serie beheben das meist.
Die Daten sind zu komplex für eine Grafik
Komplexität ist selten die Ursache, fehlende Führung fast immer.
Die Testpersonen waren unaufmerksam
Der Test misst genau das, was in fünf Sekunden ankommt, und das ist der realistische Fall.

Eine Grafik zeigt korrekt, dass zwei Kennzahlen gemeinsam steigen. Der Titel lautet “Massnahme wirkt”. Was ist zu tun?

Nichts, die Grafik belegt den Titel
Sie zeigt Gleichzeitigkeit, nicht Wirkung.
Den Titel auf die Beobachtung zurücknehmen
Richtig. Ein Kausalsatz braucht einen Vergleich ohne Massnahme oder eine andere Kontrolle. Ohne das benennt der Titel, was zu sehen ist, nicht, was daraus folgt.
Die zweite Kennzahl entfernen
Damit verschwindet die Information, nicht die falsche Behauptung.

Werkzeug und Auslieferung

Wann lohnt sich ein interaktives Dashboard gegenüber einer statischen Grafik?

Wenn die Daten monatlich aktualisiert werden
Aktualisierung allein ist kein Grund, die kann auch eine statische Grafik haben.
Wenn verschiedene Leute verschiedene Fragen an dieselben Daten haben
Richtig. Interaktion lohnt sich, wenn die Fragen nicht vorhersehbar sind. Steht die Aussage fest, ist die statische Grafik die bessere Wahl.
Wenn viele Kennzahlen gezeigt werden sollen
Viele Kennzahlen sind eher ein Hinweis darauf, dass die Entscheidungsfrage fehlt.

Eine Heatmap zeigt Korrelationen zwischen minus eins und eins. Welche Palette?

Eine divergierende, mit neutraler Mitte bei null
Richtig. Korrelationen haben einen sinnvollen Nullpunkt; eine sequenzielle Palette würde negative und schwache Werte gleich aussehen lassen.
Eine sequenzielle wie Viridis
Sie hat keine ausgezeichnete Mitte und verschenkt die Richtung.
Eine qualitative
Sie ist für Kategorien gedacht, nicht für Mengen.

Nachgerechnet

Diese Fragen greifen die Zahlen auf, die auf den Themenseiten ausgerechnet werden. Sie prüfen weniger das Gedächtnis als die Frage, ob die Grössenordnungen sitzen.

Eine Infografik setzt den Kreisradius proportional zum Wert. Ein achtfacher Unterschied erscheint dadurch als wie grosse Fläche?

64-fach, und wahrgenommen wie das 18.4-Fache
Richtig. Der Radius geht quadratisch in die Fläche ein, und Flächen werden mit einem Exponenten um 0.7 wahrgenommen. Korrekt über die Wurzel kodiert entstünde die achtfache Fläche, die wie das 4.3-Fache wirkt.
16-fach
Das wäre bei einem vierfachen Unterschied der Fall.
8-fach, die Skalierung ist ja proportional
Proportional ist der Radius, nicht die Fläche und gelesen wird die Fläche.

Zwei Zeitreihen an zwei y-Achsen laufen im Gleichschritt. Wie oft kommt das bei Reihen vor, die nachweislich nichts miteinander zu tun haben?

Bei rund 40 Prozent liegt die Korrelation der Niveaus über 0.5
Richtig, gemessen an 500 Paaren unabhängiger Irrfahrten über 36 Monate; über 0.8 waren es 8 Prozent. Bei den Veränderungen dagegen nur 0.4 Prozent, dort gehört die Prüfung hin.
Praktisch nie, deshalb ist der Gleichlauf ein Beleg
Genau umgekehrt: Der Gleichlauf wandernder Reihen ist der Normalfall.
Nur bei kurzen Reihen
Längere Irrfahrten wandern weiter; das Problem verschwindet nicht.

Ein Streudiagramm zeigt 5000 Punkte als dichte Wolke. Was ist daran systematisch verzerrt?

Die dichte Mitte wird verdeckt, die dünn besetzten Ränder bleiben sichtbar
Richtig. Bei einer Rasterauflösung von 60 mal 60 waren nur 1021 Stellen belegt, also 79.6 Prozent der Punkte verdeckt und zwar dort, wo die meisten liegen. Ein rohes Streudiagramm zeigt die Ausreisser und unterschlägt die Masse.
Nichts, es sind ja alle Punkte gezeichnet
Gezeichnet schon, sichtbar nicht.
Die Ränder werden abgeschnitten
Das ist ein anderes Problem.

Eine Ampel auf einem Dashboard schlägt bei täglicher Betrachtung ständig an. Woran liegt das meistens?

Die Schwelle wurde ohne Bezug zum Betrachtungstakt festgelegt
Richtig. Die Streuung der Periodenmittel sinkt mit eins durch Wurzel k. Im Beispiel löste dieselbe Grenze täglich in 29.4 Prozent der Perioden aus, wöchentlich in 7.7 und monatlich nie, bei unauffälligen Daten.
Die Produktion läuft tatsächlich schlecht
Möglich, aber die Daten im Beispiel hatten weder Trend noch Ausreisser.
Die Kennzahl ist falsch gerechnet
Auch eine korrekt gerechnete Kennzahl braucht eine Schwelle mit Bezug.

Warum genügt es nicht, eine Palette danach zu beurteilen, wie verschieden ihre Farben im Durchschnitt sind?

Weil der kleinste paarweise Abstand entscheidet
Richtig. An dem einen engen Paar scheitert die Zuordnung, und das Publikum weiss nicht, welches Paar es war. Okabe-Ito hält bei acht Farben mindestens dE 26.4 ein.
Weil der Durchschnitt schwer zu berechnen ist
Beides ist gleich leicht zu rechnen.
Weil Farbabstände nicht messbar sind
Im Lab-Raum sind sie es, und der Abstand entspricht ungefähr der wahrgenommenen Verschiedenheit.

Eine Grafik hebt eine von acht Serien hervor. Wo entsteht der grössere Teil der Wirkung?

Beim Zurücknehmen der übrigen sieben
Richtig. Im gerechneten Beispiel stieg das Gewichtsverhältnis von 1.45 auf 10.66; davon kamen rund zwei Drittel daher, dass die anderen Serien grau und dünn wurden.
Beim Hervorheben der einen
Sie gewinnt Faktor 2.3, der kleinere Teil.
Beides trägt gleich viel bei
Das Zurücknehmen wirkt deutlich stärker.