Bayessche Inferenz beantwortet die Frage, die viele eigentlich stellen, wenn sie einen p-Wert berechnen: Wie wahrscheinlich ist es, dass der Effekt positiv ist? Das kann ein frequentistisches Verfahren nicht, weil dort der Parameter fest ist und nur die Daten zufällig sind.
Sie lohnt sich besonders, wenn Vorwissen vorhanden ist und genutzt werden soll, wenn Entscheidungen direkt an Wahrscheinlichkeiten hängen („Variante B ist mit 96 Prozent besser”), und wenn wenige Daten vorliegen, sodass ein vernünftiger Prior die Schätzung stabilisiert.
Situation
Stattdessen oder zusätzlich
Vorwissen soll ausdrücklich keine Rolle spielen, Regulierung verlangt Fehlerraten
Für einen Anteil (Konversionsrate, Fehlerquote) gibt es eine besonders einfache Form. Ist der Prior eine Beta-Verteilung und sind die Daten \(k\) Erfolge in \(n\) Versuchen, dann ist auch die Posterior eine Beta-Verteilung:
\[\text{Beta}(a, b) \;\xrightarrow{\;k \text{ von } n\;}\; \text{Beta}(a + k,\; b + n - k)\]
Bestandteil
Bedeutung
\(a, b\) des Priors
Vorwissen, gelesen als \(a\) frühere Erfolge und \(b\) frühere Misserfolge
\(\text{Beta}(1, 1)\)
flacher Prior: jeder Anteil zwischen 0 und 1 gleich plausibel
Posterior-Mittel \(a/(a+b)\)
Punktschätzung, liegt zwischen Prior-Mittel und beobachtetem Anteil
95-Prozent-Glaubwürdigkeitsintervall
Bereich, in dem der Parameter mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit liegt
Genau der letzte Satz ist der Unterschied zum Konfidenzintervall, das eine Aussage über das Verfahren macht, nicht über den Parameter.
Voraussetzungen und ihre Prüfung
Voraussetzung
Was sie bedeutet
Prüfung
Folge bei Verletzung
Vorgehen
Passendes Datenmodell
hier: unabhängige Versuche mit gleichem Anteil
Erhebungsdesign
Posterior zu schmal
hierarchisches Modell, Gruppen einbeziehen
Prior vor den Daten festgelegt
kein Anpassen des Priors an das gewünschte Ergebnis
Dokumentation
Ergebnis beliebig
Prior begründen und vorab festhalten
Prior-Sensitivität geprüft
Ergebnis hängt nicht nur am Prior
mit flachem und informativem Prior rechnen
Schlussfolgerung nicht belastbar
beide Ergebnisse berichten, Beispiel 2
Output lesen
Grösse
Was sie sagt
Faustregel oder Falle
Posterior-Mittel
Punktschätzung
bei schiefer Posterior lieber den Median berichten
Glaubwürdigkeitsintervall
2.5- und 97.5-Prozent-Quantil der Posterior
darf wörtlich als Wahrscheinlichkeitsaussage gelesen werden
\(P(\theta > c)\)
Wahrscheinlichkeit, dass der Parameter eine Schwelle überschreitet
direkt entscheidungsrelevant, kein p-Wert
\(P(\theta_B > \theta_A)\)
Wahrscheinlichkeit, dass B besser ist als A
sagt nichts darüber, wie viel besser; dafür die Differenz ansehen
Interpretationsfallen
Der Prior ist keine Meinung, die man frei wählt, sondern Teil des Modells. Er gehört begründet und im Bericht genannt.
Ein flacher Prior ist nicht „ohne Annahme”. Er sagt, dass ein Anteil von 0.95 genauso plausibel ist wie 0.10. Für Konversionsraten ist das oft unrealistisch.
\(P(B > A) = 0.96\) heisst nicht, dass B um viel besser ist. Eine winzige, aber sichere Differenz ergibt dieselbe Wahrscheinlichkeit.
Bei vielen Daten verschwindet der Einfluss des Priors, bei wenigen Daten dominiert er. Beispiel 2 zeigt beides.
Glaubwürdigkeits- und Konfidenzintervall liegen oft nah beieinander, sie bedeuten trotzdem Verschiedenes.
Ergebnis berichten
Mit einem [flachen / informativen, Beta(a, b)] Prior ergibt sich für [Parameter] ein Posterior-Mittel von [Wert] (95-Prozent-Glaubwürdigkeitsintervall [unten] bis [oben]). Die Wahrscheinlichkeit, dass [Parameter] [Schwelle] überschreitet, beträgt [Wert].
Immer genannt werden: Prior mit Begründung, Datenmodell, Posterior-Kennzahl mit Intervall und bei Entscheidungen die relevante Wahrscheinlichkeit.
Eine neue Landingpage wurde 120 Mal aufgerufen, 18 Besuche endeten mit einer Anmeldung. Wie hoch ist die Anmelderate, und wie wahrscheinlich liegt sie über 10 Prozent, der Rate der alten Seite? Ausgegangen wird von einem flachen Prior.
print("P(Rate > 0.10):", round(stats.beta(1+ k, 1+ n - k).sf(0.10), 4))
P(Rate > 0.10): 0.9679
print("Anteil:", round(k / n, 4)," Wald:", np.round(proportion_confint(k, n, method="normal"), 4)," exakt:", np.round(proportion_confint(k, n, method="beta"), 4))
einfach zu rechnen, weil Beta und Binomial zusammenpassen
mittel
0.1557
Posterior-Mittel
etwas über dem beobachteten Anteil von 0.15, weil der flache Prior wie ein zusätzlicher Erfolg und Misserfolg wirkt
median
0.1539
Posterior-Median
liegt unter dem Mittel, die Posterior ist leicht rechtsschief
unten, oben
0.0973 bis 0.2249
95-Prozent-Glaubwürdigkeitsintervall
Mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit liegt die Rate in diesem Bereich, gegeben Daten und Prior.
P(Rate > 0.10)
0.9679
Wahrscheinlichkeit, dass die neue Seite über der alten Rate liegt
direkt die Frage des Auftraggebers; kein p-Wert
Wald-Intervall
0.0861 bis 0.2139
frequentistisch, Normalnäherung
symmetrisch um 0.15 und bei kleinen Anteilen zu schmal auf der unteren Seite
exaktes Intervall
0.0914 bis 0.2267
frequentistisch, Clopper-Pearson
numerisch nah am Glaubwürdigkeitsintervall, aber anders zu lesen
Interpretation und Ergebnissatz
Das Glaubwürdigkeitsintervall und das exakte Konfidenzintervall liegen fast gleich. Der Unterschied liegt nicht in den Zahlen, sondern darin, was man sagen darf: Nur beim bayesschen Intervall ist „mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit liegt die Rate zwischen 9.7 und 22.5 Prozent” korrekt.
Mit flachem Prior ergibt sich für die Anmelderate ein Posterior-Mittel von 0.156 (95-Prozent-Glaubwürdigkeitsintervall 0.097 bis 0.225). Die Wahrscheinlichkeit, dass die Rate über 10 Prozent liegt, beträgt 0.97.
Frage und Datenlage
Aus früheren Kampagnen ist bekannt, dass Anmelderaten meist um 10 Prozent liegen. Das lässt sich als Prior Beta(20, 180) ausdrücken: Mittel 0.10, so viel Gewicht wie 200 frühere Besuche. Wie verändert dieser Prior das Ergebnis, einmal bei wenigen Daten (4 von 20) und einmal bei vielen (180 von 1200)?
Der Prior mit dem Gewicht von 200 Besuchen überstimmt die 20 neuen.
flach, 180 von 1200
0.15
0.1506
0.1309 bis 0.1713
fast genau der beobachtete Anteil
informativ, 180 von 1200
0.15
0.1429
0.1250 bis 0.1617
Der Prior zieht nur noch leicht Richtung 0.10.
Interpretation und Ergebnissatz
Bei wenigen Daten entscheidet der Prior. Das ist gewollt, wenn das Vorwissen gut ist, und gefährlich, wenn die neue Seite tatsächlich anders funktioniert. Bei vielen Daten liefern beide Priors nahezu dasselbe. Deshalb gehört eine Sensitivitätsprüfung mit mindestens zwei Priors in jede Auswertung mit wenigen Daten.
Bei 4 Anmeldungen in 20 Besuchen hängt das Ergebnis stark am Prior (Posterior-Mittel 0.227 mit flachem, 0.109 mit informativem Prior); eine belastbare Aussage über die Rate ist mit diesen Daten nicht möglich.
Frage und Datenlage
In einem Test sahen 120 Besuche die Variante A (18 Anmeldungen) und 125 die Variante B (30 Anmeldungen). Wie wahrscheinlich ist B besser als A?
Die Wahrscheinlichkeit \(P(p_B > p_A)\) lässt sich exakt als Integral rechnen: Für jeden möglichen Wert von \(p_A\) wird die Wahrscheinlichkeit gewichtet, dass \(p_B\) darüber liegt.
Die Intervalle überlappen, das allein entscheidet nichts.
P(B besser)
0.961
Wahrscheinlichkeit, dass B die höhere Rate hat
beantwortet die Frage direkt
Differenz der Mittel
0.0884
erwarteter Vorsprung von B
rund neun Prozentpunkte; das ist die Grösse, an der die Entscheidung hängt
Interpretation und Ergebnissatz
Überlappende Intervalle heissen nicht, dass kein Unterschied besteht: Die Wahrscheinlichkeit für B liegt trotzdem bei 96 Prozent. Ob sich der Wechsel lohnt, entscheidet aber die Grösse des Vorsprungs zusammen mit den Kosten, nicht die Wahrscheinlichkeit allein.
Mit flachen Priors beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass Variante B eine höhere Anmelderate hat als A, 0.96; der erwartete Vorsprung liegt bei 8.8 Prozentpunkten (Posterior-Mittel 0.244 gegen 0.156).
Verständnisfragen
Ein 95-Prozent-Glaubwürdigkeitsintervall reicht von 0.10 bis 0.22. Welche Aussage ist korrekt?
Gegeben Daten und Prior liegt der Anteil mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit in diesem Bereich
Richtig. Genau diese Lesart ist beim bayesschen Intervall erlaubt, beim Konfidenzintervall nicht.
Bei 100 Wiederholungen der Studie enthielten 95 Intervalle den wahren Anteil
Das ist die Lesart des Konfidenzintervalls.
95 Prozent der Daten liegen in diesem Bereich
Das Intervall beschreibt den Parameter, nicht die Streuung der einzelnen Werte.
Mit 12 Beobachtungen und einem stark informativen Prior liegt das Posterior-Mittel fast genau beim Prior-Mittel. Was folgt daraus?
Die Daten reichen nicht, um den Prior zu überstimmen; das Ergebnis muss mit einem zweiten Prior geprüft werden
Richtig. Die Aussage stammt dann vor allem aus dem Vorwissen, nicht aus der Messung.
Die Daten bestätigen das Vorwissen
Das lässt sich so nicht sagen; auch abweichende Daten würden bei diesem Prior kaum etwas ändern.
Der Prior war falsch gewählt
Nicht zwingend; er ist nur so stark, dass zwölf Beobachtungen wenig bewegen.
Ein A/B-Test ergibt P(B besser als A) = 0.99. Reicht das für die Entscheidung zugunsten von B?
Nicht allein, es fehlt die Grösse des Vorsprungs
Richtig. Eine Differenz von 0.1 Prozentpunkten kann bei vielen Daten mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit positiv sein und trotzdem die Umstellung nicht wert.
Ja, 99 Prozent ist sicher genug
Sicher ist nur die Richtung, nicht dass sich der Unterschied lohnt.
Nein, dafür braucht es einen p-Wert
Ein p-Wert beantwortet eine andere Frage und ergänzt die Grösse des Effekts ebenso wenig.