Modelle und ihre Grenzen
Kernideen
- Ein Sprachmodell setzt Text fort; es schlägt nichts nach und rechnet nicht
- Sprachliche Sicherheit sagt nichts über inhaltliche Richtigkeit
- Halluzination ist keine Panne, sondern die Kehrseite des Funktionsprinzips
- Vorurteile aus den Trainingsdaten wirken weiter, auch unbemerkt
- Modellkategorien unterscheiden sich in Kosten, Wartezeit und Art der Aufgabe
- Was das Modell nicht weiss, muss in den Kontext, nicht in den Prompt
Erklärung
Diese Seite erklärt, warum die Regeln auf den Prompt-Seiten so lauten, wie sie lauten. Wer nur wissen will, was wann zu tun ist, findet das unter Wann was verwenden.
Was beim Antworten passiert
Ein Sprachmodell wählt Wort für Wort die jeweils wahrscheinlichste Fortsetzung, gemessen an dem, was es in seinen Trainingsdaten gesehen hat. Es hat keinen Zugriff auf eine Datenbank, keine innere Prüfinstanz und kein Wissen darüber, was es nicht weiss. Alles Weitere folgt aus diesem einen Punkt:
- Flüssigkeit ist kein Qualitätssignal. Ein falscher Satz ist genauso wahrscheinlich gut formuliert wie ein richtiger, weil die Formulierung und nicht die Korrektheit optimiert wurde.
- Fehlendes Wissen wird ergänzt, nicht gemeldet. Wo Trainingsdaten dünn sind, entsteht die plausibelste Fortsetzung. Das ist der Mechanismus hinter erfundenen Quellen, Funktionsnamen und Jahreszahlen.
- Rechnen ist Fortsetzen. Eine Summe entsteht nicht durch Addition, sondern weil ähnliche Summen im Training vorkamen. Für exakte Werte braucht es Code, siehe Program-of-Thoughts.
- Der Kontext ist der Arbeitsspeicher. Was nicht im Gespräch steht, existiert für das Modell nicht, auch wenn es gestern besprochen wurde.
Halluzination und wie man damit umgeht
Halluzination bezeichnet inhaltlich falsche Aussagen, die formal einwandfrei wirken. Sie tritt besonders auf bei Detailangaben (Zahlen, Namen, Zitate, Paragraphen), bei Nischenwissen, bei Fragen nach Aktuellem und immer dann, wenn die Frage eine Antwort suggeriert.
Drei Vorkehrungen, in dieser Reihenfolge:
- Material mitgeben. Eine Antwort auf Basis eines mitgelieferten Textes ist prüfbar, eine aus dem Gedächtnis nicht.
- Unsicherheit ausweisen lassen. Die Trennung in gesichert, unsicher und angenommen kostet einen Satz im Prompt, siehe prüfende Patterns.
- Selbst nachprüfen. Zitate öffnen, Code ausführen, Zahlen nachrechnen. Was sich nicht prüfen lässt, wird nicht verwendet.
Die Rückfrage veranlasst das Modell häufig, seine Antwort zu ändern, unabhängig davon, ob sie stimmte. Sie prüft nichts, sie signalisiert Unzufriedenheit. Wirksamer ist die Frage nach dem stärksten Gegenargument oder nach der Bedingung, unter der die Aussage falsch wäre: beides zwingt zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung statt zu einer Anpassung an die vermutete Erwartung.
Verzerrungen
Modelle geben Muster ihrer Trainingsdaten wieder, auch unerwünschte. Das zeigt sich selten in offensichtlichen Aussagen und häufig in Nebensächlichkeiten: in Beispielnamen, in unterstellten Rollen, in der Auswahl dessen, was als typisch gilt. In der Datenarbeit ist die praktische Folge, dass ein Modell bei der Interpretation von Ergebnissen die naheliegende, konventionelle Deutung bevorzugt und ungewöhnliche Erklärungen seltener nennt. Wer Alternativen sehen will, muss ausdrücklich danach fragen.
Modellkategorien
| Kategorie | Stärke | Grenze | Wann |
|---|---|---|---|
| Klein und schnell | Kosten, Wartezeit, viele Aufrufe | Bricht mehrstufige Schlüsse früh ab | Klassifizieren, Umformulieren, Standardauskünfte |
| Standard | Breites Können bei vertretbaren Kosten | Bei schwierigen Schlüssen unzuverlässig | Der Normalfall der täglichen Arbeit |
| Reasoning | Mehrstufige Schlüsse, Planung | Deutlich teurer und langsamer | Schwierige Aufgaben mit vielen Abhängigkeiten |
| Mit Werkzeugen | Rechnen, Suchen, Dateien, Code ausführen | Nur so gut wie Werkzeuge und Daten | Sobald exakte Werte oder aktuelle Angaben nötig sind |
| Offene Gewichte | Lokal betreibbar, Datenkontrolle | Meist etwas schwächer, eigener Betrieb nötig | Vertrauliche Daten, reproduzierbare Umgebungen |
Die konkreten Modellnamen ändern sich im Halbjahresrhythmus, die Kategorien nicht. Deshalb lohnt es sich, die eigene Arbeit an der Kategorie auszurichten und die Namen als austauschbar zu behandeln.
Was in den Kontext gehört und was nicht
Der Kontext ist begrenzt und die Aufmerksamkeit verteilt sich darin. Zwei Effekte sind zu kennen: Zu wenig Kontext führt zu erfundenen Annahmen, zu viel Kontext senkt die Genauigkeit, weil Nebensächliches mitgewichtet wird. In langen Gesprächen kommt hinzu, dass frühe Angaben an Gewicht verlieren; wichtige Vorgaben gehören deshalb wiederholt oder ans Ende.
Verständnisfragen
Diese Seite rechnet nichts: Im Build gibt es keinen Modellzugriff, und Modellantworten wären auch damit nicht reproduzierbar, weil dasselbe Prompt je nach Modellstand und Zufall verschieden beantwortet wird. Die Beispiele sind deshalb Prompts und Antwortauszüge zum Lesen, nicht ausgeführte Chunks. Was sich dagegen reproduzieren lässt, ist die Prüfung einer Antwort an den Daten, siehe Prompts für die Datenarbeit.
Ein Modell nennt eine Quelle mit Titel, Autoren, Jahr und Seitenzahl. Die Angaben sind präzise. Was folgt daraus?
Warum liefert dasselbe Modell auf dieselbe Frage manchmal verschiedene Antworten?